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Immer den eigenen Weg verfolgtMusikwissenschaftlerin Gertrud Meyer-Denkmann zählt zu den Querdenkerinnenvon Sabine Schicke Oldenburg. Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande, bisweilen hat Gertrud Meyer-Denkmann dieses Gefühl in Oldenburg gehabt. Als die Musikwissenschaftlerin in den fünfziger und sechziger Jahren neue Wege beschritt – sowohl in der Komposition als auch in der Musikdidaktik – , haben sie viele nicht ernst genommen. Doch das Alte mußte aufgegeben werden, sagt sie, um Luft zu holen und etwas Neues zu wagen. Erst Jahrzehnte später, am 25. November 1988, hat ihr die Universität Oldenburg die Ehrendoktorwürde verliehen. ![]() Gertrud Meyer-Denkmann wurde 1918 in Oldenburg geboren und wuchs im Bürgereschviertel auf. Klavierunterricht bekam sie mit sieben Jahren, und das erste Orgelexamen legte sie im Alter von 15 Jahren ab. Der Vater, ein bodenständiger Handwerker, ging zwar regelmäßig zum Gesangverein, doch die Liebe zur Musik zum Beruf zu machen, davon hielt er nichts. Eine brotlose Kunst, sagte er seiner Tochter, die sich dennoch nicht beirren ließ und in Bremen am Konservatorium studierte. Um ihren Weg in der Musikwissenschaft zu enden, beschreibt sie als wichtigstes Erlebnis ein Interview, das sie in den fünfziger Jahren im Rundfunk mit Karlheinz Stockhausen hörte, einem Wegbereiter der neuen Musik. Ich war so beeindruckt und berührt, erinnert sie sich, daß ich ihm einen Brief schrieb und um ein Interview bat. Die Bitte wurde erfüllt. Nicht zuletzt bei Gesprächen über Bildende Kunst entdeckten sie verwandte Strukturprinzipien im Ansatz eines neuen Denkens. Von 1956 an studierte Gertrud Meyer-Denkmann bei ihm in Darmstadt Komposition. Zwischenzeitlich hatte sie geheiratet und lebte mit ihrem Mann, einem Kaufmann, an der Herbartstraße. Nicht immer war es leicht für sie, Beruf und Familie – sie hat einen Sohn – unter einen Hut zu bringen. Mindestens so beeinflußt wie die Arbeit mit Stockhausen hat sie auch die Begegnung mit John Cage, mit dem sie ebenso wie mit Mauricio Kagel im In- und Ausland Konzerte gab. Kompositorische Anregungen erhielt sie außer von Kagel und Cage auch in der Arbeit mit David Tudor und Eduard Steuermann. Da Gertrud Meyer-Denkmann schon sehr früh auch immer Privatunterricht gegeben hatte, interessierte sie auch die Musikdidaktik sehr. In den meisten Lehrbüchern wurden die Kinder damals für dumm verkauft, berichtet sie und so entwickelte sie eigene Werke über ihren experimentellen und fachübergreifenden Ansatz. Vier Jahre lang mußte sie suchen, ehe sie für das erste Buch Klangexperimente und Gestaltungsversuche im Kindesalter in Wien endlich einen Verlag fand. Den meisten etablierten Schulbuchverlagen war das Buch zu progressiv. Weitere Lehrbücher über neue Musik im Unterricht, Tonbandproduktionen und anderes folgten. Ich habe immer sehr isoliert an meinen Büchern gearbeitet, erinnert sich die Autorin, empfand sie sich doch damals in der Stadt Oldenburg eher als enfant terrible. Im Ausland war sie eine gefragte Referentin: Musikpädagogische Kurse gab sie in den Niederlanden, der Schweiz, in Schweden, Griechenland, England, Portugal und Indien. In Deutschland unterrichtete sie an Musikhochschulen und Universitäten in Düsseldorf, Köln, Bremen und Oldenburg. Die Arbeit mit den Studierenden macht mir auch heute noch viel Spaß und läßt mich an der aktuellen Entwicklung teilhaben, sagt Gertrud Meyer-Denkmann, auch hier plädiert sie für den fächerübergreifenden Ansatz. Wie sie überhaupt gegen jede Einseitigkeit Stellung bezieht. Komponisten und Musiker müssen auch in den Wissenschaften und den Künsten zu Hause sein. Blickt man außerdem auf die Stellung von Musik und Kunst in der Gesellschaft, so ergänzt sie, ist auch das politische Bewußtsein immer gefragt. (Quelle: Nordwest-Zeitung, Freitag, den 19. Dezember 1997) |